Von zwei Formen zu einer ganzen Welt
Die Aton-Trilogie verbindet Type Design, Konzeption, Covergestaltung, Compositing, Illustration und Buchsatz mit einer Erzählwelt zwischen altägyptischer Kulturgeschichte, Science-Fiction und spekulativer Prä-Astronautik.
Vom Pinsel zur Schablone
Ausgangspunkt der Schriftentwicklung war Q Shapes 01, eine von Nikola Djurek entwickelte Zeichenschablone aus dem Q Project von Typotheque. Das offene typografische Konstruktionssystem stellt elementare Formen bereit, die sich frei zu Buchstaben und neuen Zeichen kombinieren lassen.
Shapes 01 greift dabei auf Edward M. Catichs Untersuchungen zur Entstehung römischer Kapitalbuchstaben zurück. Catich rekonstruierte die Formen monumentaler römischer Inschriften als Ergebnis vorausgehender Bewegungen eines flachen Pinsels. Djureks Schablone übersetzt solche elementaren Strichformen in einen modularen Baukasten.
Im ersten an der IU Internationale Hochschule Kiel angebotenen Semester Mediendesign bestand unser Kurs aus lediglich drei Studierenden. Entsprechend wurden die drei physischen Schablonen Q Shapes 01, 02 und 03 unter uns aufgeteilt. Q Shapes 01 wurde damit zu meinem Ausgangspunkt für die folgende Schriftentwicklung.
Viele Möglichkeiten. Zwei bleiben.
Die Aufgabe bestand darin, aus dem modularen Formenvorrat eine eigenständige Schrift zu entwickeln. Erste Versuche nutzten noch mehrere Elemente der Schablone und führten zu vergleichsweise komplexen Buchstabenkonstruktionen. Statt diesen Weg weiterzuführen, begann ich, das System zunehmend zu reduzieren.
Schließlich blieben nur zwei Formen. Aus dieser selbst auferlegten Beschränkung entwickelte sich das zentrale Konstruktionsprinzip von Ptḥ: Durch Spiegelung, unterschiedliche Ausrichtung und variable Höhen ließen sich aus den beiden Elementen sämtliche Majuskeln entwickeln und einzelne Lettern zu vertikalen Ligaturen verbinden.
Die Reduktion wurde damit nicht zur Einschränkung des Systems, sondern zu seiner Identität. Auch die ursprüngliche Projektdokumentation zeigt diesen Weg von ersten Versuchen mit mehreren Elementen hin zur reduzierten, säulenartigen Konstruktion.
PTH – zwei Formen, ein Schrift- und Zahlensystem
Aus der Reduktion entstand ein vollständiges Zeichensystem. Unterschiedliche Buchstabenhöhen und vertikale Kombinationen erlauben es, Lettern miteinander zu verschränken und zu charakteristischen Ligaturen zusammenzuführen. Langgestreckte Stämme und reduzierte Abschlüsse verleihen Ptḥ dabei einen monumentalen, beinahe architektonischen Charakter.
Den Namen Ptḥ erhielt die Schrift nach Ptah, dem altägyptischen Gott des Handwerks und der schöpferischen Gestaltung. Neben dem Majuskelalphabet entstanden Umlaute sowie ein eigenes, auf der Fünf basierendes Zahlensystem. Auf klassische Interpunktion wurde bewusst verzichtet.
Damit war Ptḥ zunächst die Lösung einer Schriftentwicklungsaufgabe. Ihre formale Wirkung sollte jedoch unmittelbar bestimmen, wohin sich das Projekt als Nächstes entwickelte. Die variable Zeichenhöhe ermöglicht unterschiedliche Proportionen und vertikale Kombinationen, während definierte Bezugshöhen die einzelnen Konstruktionen zu einem zusammenhängenden System verbinden.
Von Rom nach Ägypten
Der formale Ursprung von Ptḥ liegt damit ausgerechnet in der lateinischen Schriftgeschichte: von Edward M. Catichs Rekonstruktion der Pinselbewegungen römischer Kapitalen über Nikola Djureks modularisierte Q Shapes bis zur Kunststoffschablone Q Shapes 01.
Im Entwicklungsprozess entfernte sich Ptḥ jedoch zunehmend von diesem Ausgangspunkt. Die starke Vertikale, wechselnde Zeichenhöhen und ineinandergreifende Formen ließen die Schrift säulenartig und beinahe architektonisch erscheinen. Statt römischer Kapitalen entstanden Assoziationen an monumentale Tempel, Inschriften und eine fremde Schriftkultur.
Ptḥ imitiert dabei bewusst weder Hieroglyphen noch eine andere historische ägyptische Schrift. Die ägyptische Anmutung entstand vielmehr als Assoziation aus einem ursprünglich römisch geprägten Formensystem. Genau diese unerwartete Transformation bildete schließlich die konzeptionelle Brücke zur Welt der Aton-Trilogie.
Die Schrift sucht ihre Geschichte
Die folgende Aufgabe wechselte von der Schriftentwicklung zur Anwendung: Mit dem zuvor entwickelten Font sollte eine zusammengehörige Reihe von Buchcovern entstehen. Die Typografie sollte den vordergründigen visuellen Eindruck bestimmen. Dafür musste zunächst eine Geschichte entwickelt werden, zu der Ptḥ überhaupt gehören konnte. Konzeption wurde damit zur Voraussetzung der Gestaltung.
Der monumentale und mystische Charakter von Ptḥ führte in das alte Ägypten. Einflüsse aus altägyptischer Kulturgeschichte, Philip Glass’ Oper Akhnaten und pseudowissenschaftlichen Erzählungen der Prä-Astronautik verbanden sich zur Aton-Trilogie – einer fiktionalen Geschichte, die historische Figuren und Ereignisse der 18. Dynastie mit Science-Fiction und spekulativer Mythologie kombiniert. Diese Inspirationsquellen wurden bereits in der ursprünglichen Projektdokumentation festgehalten.
Drei Bände. Drei Stadien der Macht.
Band I – „Der Aufstieg des Amenhotep“ begleitet den jungen Amenhotep IV. In seiner Kindheit begegnet er einem namenlosen leuchtenden Wesen, das er aus seiner kulturellen Vorstellungswelt heraus als Verkörperung der Sonnenscheibe interpretiert und Aton nennt. Faszination, Wissen und die Vorstellung einer besonderen Bestimmung legen den Grundstein für seine spätere Entwicklung.
Band II – „Die Herrschaft des Akhnaten“ führt Amenhotep als erwachsenen Pharao weiter. Gemeinsam mit Nofretete beginnt Akhnaten, Religion und Gesellschaft nach seiner Vision umzugestalten. Atons Einfluss breitet sich aus, während Priesterschaft, Gelehrte und politische Kräfte zunehmend Widerstand leisten.
Band III – „Die Schlacht über Achetaton“ führt das Verhältnis zwischen vermeintlicher Gottheit und Menschheit in den offenen Konflikt. Atons Einfluss gerät ins Wanken und sein Zorn richtet sich gegen das menschliche Reich. Zugleich offenbart sich die Science-Fiction-Ebene: Hinter den als göttlich interpretierten Wesen steht eine außerirdische Zivilisation, deren Verbindung zur Erde innerhalb der fiktionalen Mythologie weit älter ist als Akhnatens Geschichte.
Akhnatens Entwicklung orientiert sich lose an der dramatischen Entwicklung der Figur in Philip Glass’ Oper – vom jungen Amenhotep über den visionären Reformer und Herrscher bis zum zunehmend isolierten Pharao.
Zwischen Wüste und Kosmos
Die Bildwelten der drei Cover entstanden als Compositings in Photoshop. Mehrere Landschaftsaufnahmen, Himmel, Fotografien der Milchstraße und kleinere Details wurden zu neuen Szenerien zusammengesetzt. Gezielte Farbüberlagerungen schaffen für jeden Band eine eigene Atmosphäre, während wiederkehrende Kompositionsprinzipien die drei Motive als Reihe verbinden.
Ptḥ übernimmt innerhalb der Titel die zentrale Displayfunktion. Garamond ergänzt das System für weitere Titelbestandteile und später den Buchsatz, während Avenir für Auszeichnungen und den Autorennamen eingesetzt wurde. Diese Kombination war bereits Bestandteil der ursprünglichen Coverkonzeption.
Eine kleine goldene Sonne erscheint als verbindendes Detail in den Nachthimmeln aller drei Bände. Durch Ebeneneffekte erhielt sie bereits digital eine materialhafte Oberfläche; für die gedachte Produktion sollte eine goldene Heißfolienprägung daraus einen tatsächlich reflektierenden und haptischen Akzent machen.
Im Zuge der Portfolioaufbereitung wurden die ursprünglichen Cover und ihre Anwendungen gestalterisch verfeinert, ohne das zugrunde liegende Konzept zu verändern.
Drei Siegel erzählen den Wandel
Neben Typografie, Farbe und Bildwelt erhielt jeder Band ein eigenes Siegel, das seine Position innerhalb der Geschichte symbolisch verdichtet.
Im ersten Siegel rinnt Sand durch zwei Hände. Es verweist auf die Vergänglichkeit vermeintlich unumstößlicher Ordnungen. Darüber wacht noch das Auge des Ra – Sinnbild jener religiösen Welt, die Amenhoteps Kindheit beherrscht.
Das zweite Siegel zeigt Atons Sonnenscheibe und ihre Strahlen, die ihre Macht über das Reich ausbreiten. Es steht für Akhnatens Herrschaft, die religiöse Neuordnung und den zunehmenden Einfluss Atons.
Im dritten Siegel hält eine Hand die Erde wie einen Spielball an einem Faden. Kontrolle und Abhängigkeit werden zum Motiv einer Ordnung, die zu zerbrechen beginnt: Das Verhältnis zwischen Aton und Menschheit kippt in einen offenen Konflikt.
Eine Welt wird lesbar
Die nächste Aufgabe führte die entwickelte Reihe vom Cover in den Buchblock. Für einen Band sollten exemplarische Innenseiten gestaltet und ein schlüssiges Satzsystem entwickelt werden. Um dafür mit tatsächlichem Inhalt arbeiten zu können, entstanden zunächst die ersten beiden Kapitel von Der Aufstieg des Amenhotep.
Aus Covergestaltung wurde damit Editorial Design: Vorsatz, Schmutztitel und Titelblatt treffen auf Vorwort, Widmung, Kapitelauftakte, Fließtext und Illustrationen. Hinzu kamen Karte und Glossar, Inhalts- und Quellenverzeichnis sowie weitere Paratexte. Die ursprüngliche Aufgabenbeschreibung dokumentiert diesen Umfang detailliert.
Die zuvor für das Coversystem kombinierten Schriften erhielten damit funktionale Rollen im tatsächlichen Satz. Aus einer Displayschrift und drei Covern entstand ein zusammenhängendes typografisches System für das gesamte Buch.
Rückblickendes Fazit:
Die Welt wurde größer als die Aufgabe.
Aus einem auf römischen Kapitalformen basierenden modularen Formenvorrat wurden durch Reduktion zwei Grundformen. Aus ihnen entstanden ein Alphabet, eine visuelle Sprache, eine Geschichte und schließlich ein vollständiges Buchsystem.
Nicht alle Elemente wurden literarisch in derselben Tiefe ausgearbeitet: Während die ersten Kapitel tatsächlich geschrieben wurden, dienten andere Inhalte der Simulation einer bereits existierenden Publikationswelt. Darin liegt rückblickend eine zentrale Erkenntnis des Projekts: Gestaltung muss nicht erst einsetzen, wenn der Inhalt feststeht. Sie kann selbst zum Ausgangspunkt werden, aus dem Inhalt, System und schließlich eine ganze Welt entstehen.
Bis ins Kleingedruckte erfunden | Projekt- & Bildnachweise
Um die Aton-Trilogie wie eine tatsächlich veröffentlichte Reihe erscheinen zu lassen, wurde die Aufgabenstellung bewusst erweitert. Das fiktive ALEXANDRIA Verlagshaus bildet den publizistischen Rahmen, Theodore Nathaniel Lindell tritt als Autor auf. Auch das neue Verlagszeichen folgt dem zentralen Konstruktionsprinzip des Projekts: Es wurde aus denselben zwei Grundformen entwickelt, aus denen bereits Ptḥ entstanden war.
Fingierte Publikationsangaben, Werbung für die Folgebände, Merchandise, Schuber und Lesezeichen erweitern das System über Cover und Buchsatz hinaus. Karte, Namens- und Ortsglossar sowie Inhaltsverzeichnis suggerieren einen mehrere hundert Seiten umfassenden Roman. Literarisch tatsächlich ausgearbeitet wurden die ersten beiden Kapitel; weitere Inhalte dienten bewusst der Simulation.
Gestaltung wurde damit selbst zum Instrument des Worldbuildings: Nicht nur der Roman erzählt eine fiktionale Welt – auch das Buchobjekt vermittelt den Eindruck, Teil einer tatsächlich existierenden Publikationswelt zu sein.
KONZEPT & DESIGN
Konzeption, Storyworld, Art Direction, Type Design, Cover Design, Editorial Design, Illustration, Compositing, Retusche und Ausarbeitung: Timo Niels Lindner. Die ersten beiden Kapitel von Der Aufstieg des Amenhotep wurden im Rahmen des Projekts eigenständig verfasst.
SCHRIFTENTWICKLUNG
Ptḥ von Timo Niels Lindner auf Grundlage von Q Shapes 01 – Q Project, Typotheque, entwickelt von Nikola Djurek. Das Formensystem greift auf Edward M. Catichs Untersuchungen zur pinselbasierten Konstruktion römischer Kapitalbuchstaben zurück.
FIKTIONALE IDENTITÄTEN & ILLUSTRATION
Aton-Trilogie, Theodore Nathaniel Lindell und ALEXANDRIA Verlagshaus sind für das Projekt entwickelte fiktionale Identitäten. Verlagszeichen, Siegel, Pattern, Karte und weitere illustrative Elemente: Timo Niels Lindner. Das Zeichen des ALEXANDRIA Verlagshauses basiert wie Ptḥ auf den beiden im Projekt herausgearbeiteten Grundformen.
BILDMATERIAL
Fotografisches Ausgangsmaterial für Cover, Compositings und Inszenierungen: Casey Horner · Navi · Jimmy Larry · Heather Shevlin · Thanh Le · Adrien Olichon · Lauren Dane – Sailboat Under the Milky Way · Studio Malek – Twilight. Compositing, Farbgestaltung, Retusche und Adaption: Timo Niels Lindner.
MOCKUPS
Ausgewählte Buch-, Schuber- und Anwendungsdarstellungen basieren auf externen Mockup-Vorlagen; Gestaltung und Adaption: Timo Niels Lindner. Sämtliche dargestellten Buchobjekte sind Visualisierungen; physische Buchprototypen wurden nicht angefertigt.
INSPIRATION & REFERENZEN
Typografische Referenz: Edward M. Catich, The Origin of the Serif: Brush Writing & Roman Letters (1968). Inhaltliche und dramaturgische Inspiration unter anderem durch Philip Glass’ Oper Akhnaten sowie pseudowissenschaftliche Erzählungen der Prä-Astronautik. Historische Figuren und Ereignisse der 18. Dynastie bilden den Ausgangspunkt einer fiktionalen Science-Fiction-Erzählung.