Wie viel Etikett braucht ein Wein?
Erst einmal ohne Etikett
Ausgangspunkt war der Charakter des Carla Rosé: fruchtig, frisch und leicht, mit einer Eleganz, die ich bewusst nicht durch die klassische Bildwelt einer Weinflasche übersetzen wollte. Stattdessen interpretierte ich Carla als Person – beschwingt, in Bewegung und mit einem Glas Wein in der Hand.
In Anlehnung an die Reduktion von Picassos Einstrichzeichnungen entstand eine Linienillustration, die Bewegung und Leichtigkeit mit möglichst wenigen Mitteln vermittelt. Der angepasste Carla-Schriftzug auf Basis der Lindsey Signature führt diese Linie typografisch weiter; Raleway übernimmt die sachlicheren Informationen.
Die Flasche wird zur Fläche
Der erste Entwurf löst sich bewusst von der ausgeschriebenen Papierfläche. Statt eines klassischen Etiketts sollte die Illustration im keramischen Siebdruck direkt auf das transparente Glas gelangen. Die weiße Zeichnung liegt auf der Flasche, Farbe und Tiefe entstehen durch den Rosé dahinter.
So wird der Inhalt nicht von seiner Verpackung verdeckt, sondern selbst zum Gestaltungselement. Die Transparenz der Flasche, die Eigenfarbe des Weins und die reduzierte Linienzeichnung bilden erst gemeinsam das Erscheinungsbild.
Und wenn mensch das Prinzip umkehrt?
Der zweite Ansatz behält Illustration und Grundidee bei, kehrt jedoch das Verhältnis von Fläche und Inhalt um. Eine weiße Beschichtung nimmt der Flasche zunächst ihre Transparenz; dort, wo das Motiv erscheint, wird die Oberfläche ausgespart. Statt einer weißen Linie vor roséfarbenem Wein zeichnet nun die Farbe des Weins selbst Carla auf die Flasche.
Aus derselben Idee entsteht damit eine gegensätzliche Wirkung: Während der erste Entwurf von Transparenz und Zurückhaltung lebt, wird der zweite flächiger und grafischer. Gemeinsam ist beiden, dass die charakteristische Farbe des Carla Rosé nicht lediglich nachgebildet wird, sondern unmittelbar Teil des Erscheinungsbilds bleibt.
Zurück zur eigentlichen Aufgabe
So reizvoll die beiden Direktdruckvarianten waren: Ausgeschrieben war ein 95 × 105 Millimeter großes Etikett. Für meinen dritten und finalen Wettbewerbsentwurf kehrte ich deshalb bewusst zu dieser Vorgabe zurück – ohne den Gedanken aufzugeben, den Wein selbst mitgestalten zu lassen.
Nun rückte die Fruchtigkeit stärker in den Mittelpunkt. Ausgangspunkt wurde eine abstrakte Fotografie von Susan Wilkinson, deren ineinanderfließende Rot-, Violett- und Orangetöne die sensorische Idee des Rosés aufgreifen. Die beerigen Farben korrespondieren mit seiner Fruchtigkeit; das Orange nimmt zugleich das in einer Verkostungsbeschreibung als „oranje-zalmroze“ Buquet des Weins auf.
Der Wein gestaltet mit
Die Farbwelt endet nicht auf der bedruckten Oberfläche. Kreisförmige Stanzungen öffnen das Etikett und geben den Blick auf Flasche und Rosé frei. Die Farbe entsteht damit an einigen Stellen durch das Motiv und an anderen tatsächlich durch den Wein dahinter.
Auch die Produktion wird zum Teil des visuellen Systems: Vierfarbdruck auf Papier mit Leinenstruktur bildet die abstrakten Farbflächen, roséfarbene Heißprägung setzt Akzente und die Stanzungen durchbrechen die Oberfläche. Erst Druck, Material, Veredelung, Aussparung und Rosé ergeben gemeinsam das vollständige Motiv.
Drei Antworten auf dieselbe Flasche
Rückblickend liegt für mich der interessanteste Teil des Projekts weniger in einem einzelnen Entwurf als in den drei unterschiedlichen Antworten auf dieselbe Aufgabenstellung. Zweimal habe ich die ausgeschriebene Form bewusst verlassen, bevor ich sie im finalen Ansatz angenommen und mit den zuvor entwickelten Gedanken verbunden habe.
Heute würde ich bei einem Wettbewerb früher enger von den konkreten Produktionsanforderungen ausgehen. Gerade dieser Umweg hat bei Carla jedoch zu der Frage geführt, die alle drei Entwürfe miteinander verbindet: Wie lässt sich ein Wein gestalten, ohne ihn hinter seiner Verpackung verschwinden zu lassen?
Bild- & Projektnachweis
FOTO
Susan Wilkinson auf Unsplash
MOCKUPS
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PRODUKTTEXTE & -ANGABEN
Jacques’ Wein-Depot