Gedenken wird zum visuellen System.
Eine Geschichte vor Ort
1920 zog die Familie Merton nach Gut Behl. Die christlich-preußische Familie lebte dort mit fünf Kindern, knüpfte Kontakte in der Region und wurde Teil des örtlichen Lebens. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde die Familie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft systematisch ausgegrenzt und verfolgt. Bis zum 10. November 1938 wurde sie von Gut Behl verdrängt. Der Vortrag von Kjell Hinz und Mark Hermandung rückte diese lokale Geschichte wieder ins öffentliche Bewusstsein.
Erinnerung als Ausgangspunkt
Für die visuelle Kommunikation wurde der Stolperstein zum zentralen Gestaltungselement. Seine Materialität, die eingeschlagenen Buchstaben und seine Funktion als individuelles Erinnerungszeichen bildeten den Ausgangspunkt für Keyvisual und Typografie. So entstand die Gestaltung nicht aus einer allgemeinen historischen Ästhetik, sondern aus einer Form des Erinnerns, die einzelne verfolgte Menschen und ihre Geschichten sichtbar macht.
Buchstaben aus dem Material
Für die charakteristischen Schlagbuchstaben der Stolpersteine existierte keine digitale Schrift, die ihrem Erscheinungsbild ausreichend nahekam. Deshalb wurden originale Buchstabenformen untersucht, ihre wiederkehrenden Merkmale herausgearbeitet und als zwei digitale Zeichensätze rekonstruiert: Stolperstein Display für die groß gesetzten Namen und Stolperstein Text für kleinere Informationen.
Vom Zeichen zum Erinnerungsstein
Die rekonstruierten Buchstaben wurden anschließend auf einen digital konstruierten Erinnerungsstein übertragen. Oberfläche, Alterung, Patina und Gravur entstanden schrittweise, bis aus der grafischen Grundform ein glaubwürdiges materielles Objekt wurde. „Familie Merton“ bildet darin die zentrale Displayebene; kleinere Informationen greifen den zweiten rekonstruierten Zeichensatz auf.
Der Stein gibt das System vor
Im Erscheinungsbild bleibt der Erinnerungsstein der einzige warme Fokus. Dunkles Pflaster schafft die Bühne, während die historische Titeltypografie den zeitlichen Kontext markiert. Für die aktuellen Veranstaltungsinformationen ergänzt DIN Condensed das System als sachliche, schmale Schrift mit formaler Nähe zu den Schlagbuchstaben.
Ein Motiv für unterschiedliche Formate
Das Erscheinungsbild wurde für Plakat und Flyer weitergeführt, ohne die zentrale Hierarchie zu verändern: historischer Kontext, persönliche Geschichte und Veranstaltungsinformation bleiben klar voneinander getrennt. Der Stolperstein bildet dabei über alle Formate hinweg den visuellen Mittelpunkt.
Erinnerung im digitalen Raum
Für Social Media wurde das System auf Feed und Story übertragen. Statt das Plakat lediglich zu skalieren, reagieren Motiv, Informationshierarchie und Ausschnitt auf das jeweilige Format. So bleibt die Familie Merton auch auf kleineren Displays im Mittelpunkt, während Termin und Ort unmittelbar erfassbar bleiben.
Verfolgt · vertrieben · unvergessen
Das visuelle System übersetzt historische Erinnerung nicht in ein dekoratives Zitat, sondern leitet seine Gestaltung unmittelbar aus dem Erinnerungszeichen selbst ab. Der Stolperstein wird so zugleich zum inhaltlichen Bezugspunkt, typografischen Ausgangspunkt und verbindenden Element der gesamten Kommunikation.
Bild- & Projektnachweis
AUFTRAG & ANWENDUNGEN
Ehrenamtlich ausgeführte Auftragsarbeit für Mark Hermandung anlässlich des Vortrags „Die NS-Zeit auf Gut Behl – Die Geschichte von Familie Merton“ von Kjell Hinz und Mark Hermandung, 2024. Gestaltung von Plakat, Flyer und Social-Media-Kommunikation.
KONZEPT & DESIGN
Konzeption, Art Direction, visuelles Erscheinungsbild, Typedesign, Kommunikationsdesign, Bildbearbeitung und Ausarbeitung: Timo Niels Lindner.
SCHRIFTRECHERCHE & REKONSTRUKTION
Die Zeichensätze „Stolperstein Display“ und „Stolperstein Text“ wurden anhand fotografischer Referenzen realer Stolpersteine entwickelt. Die charakteristischen Formen der eingeschlagenen Schlagbuchstaben wurden analysiert, abstrahiert und als digitale Zeichen rekonstruiert. Ergänzende, in den Referenzen nicht unmittelbar belegte Zeichen wurden aus dem entwickelten Formsystem abgeleitet.
STOLPERSTEIN-REFERENZEN
Für Analyse und Rekonstruktion wurden Fotografien realer Stolpersteine herangezogen, darunter Steine für Kurt Friedrich Kiefer, Walter Goldschmidt, Vera Luisa Wajman, Käthe Glücksmann, Rosa Unger · Erika Gumpert · Dr. Max Schönenberg · Erna Schönenberg · Ursel Hanauer, Familie Schneck, Louis Scheuer und Hilde Sax. Quellen: Wikimedia Commons; die Fotografien dienten ausschließlich als Referenzen für die typografische Analyse und Rekonstruktion.
GUT BEHL
Ausgangsfotografie: gut-wittmold.de. Retusche und Bildbearbeitung: Timo Niels Lindner.
BILDQUELLEN & COMPOSITING
Patina: Annie Spratt auf Unsplash
Pflastersteine: Brice Cooper auf Unsplash
Bearbeitung, Retusche, Compositing und Integration des digitalen Stolpersteins: Timo Niels Lindner.
MOCKUPS
Ausgewählte Präsentationen der Anwendungen basieren auf Mockup-Vorlagen externer Anbieter:innen; Gestaltung, Bildbearbeitung und Adaption: Timo Niels Lindner.